Schon in der letzten Ausgabe habe ich den berüchtigten Jockey-Mangel in Deutschland erwähnt. Das Thema haben wir endlos durchgekaut und auf allen Kanälen besprochen. Es läuft genau wie damals, als immer alle von der Strukturreform sprachen und nie irgendetwas passiert ist. Aber endlich wird das Nachwuchsproblem aktuell, denn man stellt (Oh Wunder) fest, dass wir uns kaum noch zwei Rennveranstaltungen am selben Tag erlauben können, da wir nicht genügend Reiter haben. Wie ihr wisst, war ich am Freitag mit Bauyrzhan Murzabayev in Compiegne und ich werde das Gefühl nicht los, dass die Franzosen verständlicherweise sehr heiß auf unseren Champ sind. Er ist dort nicht nur sehr willkommen, sondern weiß sein Engagement auch zu schätzen. Natürlich will ich damit nicht sagen, dass der Champ hierzulande nicht begehrt ist, aber für die Ritte auf Sammarco in Baden-Baden und Magic Carousel hat er eine Sperre bekommen, die ganz klar aus einer Fehleinschätzung der Rennleitung resultiert. Frankie Dettori hat Bauyrzhan mit seiner Aussage bescheinigt, niemals behindert worden zu sein. Der Druck kam sowohl von außen als auch von innen. Nun kommt das Urteil gerade ungünstig, denn wenn der Champ überlegt, nach Frankreich zu wechseln, ist die Entscheidung der Rennleitung wohl kein Argument für ihn zu bleiben. Die 3-tägige Sperre könnte man auch als nettes Abschiedsgeschenk werten. C‘est la vie.
Können wir uns das wirklich leisten? Acht der am meisten beschäftigten Sattelkünstler sind älter als ich. Wenn diese Jungs sich in ein bis zwei Jahren zur Ruhe setzen, wird es brenzlig. Wir brauchen auch nicht mit Schützenhilfe von Frankreich oder Italien ausgehen, denn von dort wird kein Nachschub kommen. Der Fall Delozier und Casamento hat gezeigt, dass es für die jungen Talente keine Option ist, nach Deutschland zu gehen. Vor allem Frankreich ist auf der Suche nach einem neuen Champion. Schließlich sind die beiden Stars von gestern, Christophe Soumillon und Pierre-Charles Boudot, erst einmal aus dem Spiel. Soumillon ist nicht nur wegen seinem Schubser kurz vor dem Arc-Wochenende ins Kreuzfeuer geraten, er steht deswegen auch beim Aha Khan auf der Abschussliste. Und wann Boudot wieder reiten darf, das steht ohnehin in den Sternen. Die Nebenwirkungen des besten Berufs der Welt sind der Druck und der Kampf um das Gewicht haben gegen diese beiden den Sieg davongetragen. Wer immer alle Ritte verwandeln und alle Optionen wahrnehmen will, der lernt auch schnell die Schattenseiten kennen. Das musste ich selbst erkennen, als ich 2013 drei Monate in einer Klinik verbracht habe. Außerdem hat uns der Fall Minarik ja auch gezeigt, dass dieser Job verdammt gefährlich ist. Man riskiert jeden Tag sein Leben. Bleibt aber der Erfolg aus, steht man ganz schnell auf dem Abstellgleis.
Aber es erwischt auch in anderen Ländern immer wieder jemanden. Ein gutes Beispiel ist Oisin Murphy, der aufgrund von Alkoholmissbrauch und dem Verstoß gegen die Corona-Beschränkungen eine 1,5-jährige Sperre absitzen muss. Auch er befindet sich zurzeit in Behandlung. Doch das ist nicht genug, denn Hong Kong-Star Joao Moreira gönnt sich zurzeit aufgrund seiner Gesundheit eine dreimonatige Auszeit und das ohne Alkohol, Drogen oder andere Stimmungsaufheller. Trotz einer Operation an der Hüfte gibt er zu, dass psychische Probleme die Ursache für einen Heimaturlaub in Brasilien sein werden.
Egal ob Alkohol, Druck, das Brechen von Rekorden oder das Halten des Gewichts, es gibt viele Dinge, die einen als Rennreiter belasten können. Was ich damit sagen will ist, dass man sich von anderen Sportarten eine Scheibe abschneiden sollte. Im Fußball gibt es schon lange psychologische Betreuung für die Elitesportler und vielleicht sind wir im Galopprennsport auch mittlerweile so weit, dass die Verbände die Jockeys betreuen müssten.
Unter diesen Umständen ist es natürlich schwer, Nachwuchs zu rekrutieren oder frische Talente aufzuspüren. Wie soll das auch funktionieren, wenn die jungen Reiter von den Folgen des Erfolgsdrucks lesen. Aber: Es gibt auch Licht am Ende des Tunnels. Während meines Aufenthalts in Köln ist mir ein junger Mann aufgefallen, der Talent hat. Der 19-jährige Senan McRedmond ist ein 5-Kilo-Erlaubnis Reiter aus der Schmiede von Peter Schiergen. Auch wenn es nicht reicht, talentiert zu sein, habe ich mich entschieden, ihm ein wenig unter die Arme zu greifen. Lasst uns doch gemeinsam unseren Nachwuchs fördern.
Abschließend habe ich natürlich auch noch einen Wett-Tipp für euch. In Chantilly kommt am Mittwoch im sechsten Rennen (Startzeit 14:42 Uhr) Guido Schmitts Wow in einem Altersgewichtsrennen über 1900 Meter an den Start. Der Subi-Stable ist in Form, Mickael Barzalona sitzt im Sattel und Wow mag PSF, außerdem war er vor zwei Jahren einer meiner letzten Sieger in Hannover. Wenn das Mal kein gutes Zeichen ist. Meine Meinung.





